StartseitePublikationenGemeinsame VeröffentlichungenHospitation in VABO 2 - Was brauchen Referendare?

Bericht über meinen Besuch in der VABO 2 Freiburg

Bernd Hainmüller

ANDREAS KECK, BEREICHSLEITER AM STAATLICHEN SEMINAR FÜR DIDAKTIK UND LEHRERBILDUNG (GHWRS) MANNHEIM

Ziel meines Besuchs war es, mir ein Bild über die Beschulung von jugendlichen Flüchtlingen zu machen und Impulse zu bekommen, wie die Lehrerausbildung zukünftige LehramtsanwärterInnen auf den Unterricht in Flüchtlingsklassen vorbereiten kann.

Die Klasse wird unterrichtet von Dr. Bernd Hainmüller, einem ehemaligen Kollegen vom Seminar Offenburg der, mittlerweile im Ruhestand, dem Ruf von Herrn Stoch folgend, mit seiner Frau Hiltrud die VABO 2 unterrichtet. Mit als Unterstützungskräfte in der Klasse sind ein Dolmetscher für arabisch, eine Sprachlehrerin und mit einigen Stunden Lehrkräfte der Schule (Mathe, Sport, Informatik).

Folgende Informationen hatte ich im Vorfeld:

Die Klasse setzte sich zusammen aus 6 Mädchen und 14 Jungs zwischen 16 und 18 Jahren (genaue Geburtsdaten und somit auch das Alter sind meist unbekannt) Folgende Volksgruppen sind vertreten: 6 Jesiden/innen, die unter einem speziellen Schutzprogramm stehen, da sie als Sklaven an IS-Kämpfer verkauft waren und man fürchtet, dass sie bis nach Deutschland verfolgt werden könnten. Sie sprechen Kurmandji. 2 Jungs kommen aus Afghanistan, einer spricht Farsi, der andere Paschto. Beide sind angeblich zu Fuß bis an die deutsche Grenze gelaufen. Ein Junge kommt aus Eritrea. Er ist Christ. Alle drei Jungs sind unbegleitet, also ohne Ihre Familien nach Deutschland gekommen. Die restlichen Jungs sind aus Syrien und dem Nordirak. Meistens sunnitische Moslems. Sie sprechen entweder einen kurdischen Dialekt oder arabisch. Zwei der Jungs können sich auf Englisch verständigen. Es gibt keine gemeinsame Sprache, die alle verstehen (auch nicht arabisch!) Herr Hainmüller erzählt mir von Konflikten mit Gewaltausbrüchen zwischen Jesiden und syrischen Sunniten zu Beginn der gemeinsamen Arbeit. Das größte Problem ist jedoch, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen keine bis kaum Schulbildung erfahren hat und somit auch Analphabeten sind. Vielleicht der schwerwiegendste Parameter, was die Heterogenität der Lerngruppe ausmacht.

Als ich der Gruppe begegne, empfinde ich die Lernatmosphäre entspannt. Auf Bitte von Herrn Hainmüller begrüße ich jeden Schüler mit Handschlag, Frage „Wie geht es dir?“ und schaue ihm bewusst in die Augen. Eine wichtige Lektion, die die Jugendlichen lernen müssen, denn in deren Kulturkreis schaut man sich nicht an und die Begegnung “auf Augenhöhe“ ist Ihnen absolut nicht vertraut.

Ich werde vorgestellt und lasse mir von einigen Jungs die ausgestellten Plakate im Klassenzimmer erläutern. Sie haben ihre Fluchtwege dargestellt und dokumentiert. Auf weiteren Displays sind ein Kochprojekt und „Vorstellungen von deren Leben in Deutschland“ dokumentiert: Eigenes Auto, Haus, Familie….

Die Jungs sind freundlich und scheinen den neuen Kontakt zu mir zu nutzen, um sich zu präsentieren.

Die Gruppe wird aufgeteilt. Ein Teil geht in die „Schreibschule“ (Alphabetisierungskurs) Hier werden die lateinischen Schriftzeichen eingeübt und zusammen mit Bildern in ein Heft eingetragen. Herr Hainmüller erklärt mir, dass es im Prinzip um Anfangsunterricht geht, nur eben für „beinahe Erwachsene“ was die Materialwahl schwierig macht. Im Klassenzimmer hängen Lernspieluhr und Lernkalender aus dem GS-Fundus.

Hiltrud Hainmüller macht mit den „fitteren Schülern“ einen Sitzkreis. Das Thema heißt „Heimat“. „Was ist Heimat und was gibt es in meiner Heimat?“ In Freiburg gibt es einen Fluss (Dreisam), Wald (Schwarzwald), und eine Kirche (Münster) Was gibt es in eurer Heimat? Bilder werden aufgehängt und mit Wortkarten versehen. Die Jugendlichen sollen in ganzen deutschen Sätzen antworten. Dies gelingt sehr unterschiedlich. Als störend in dieser Phase erlebe ich, dass ständig in den unterschiedlichen Sprachen gesprochen wird. Vielleicht, um zu übersetzen, vielleicht werden aber auch ganz andere Dinge besprochen. Gut wäre es hier, wenn man sich in bestimmten Phasen darauf einigen würde, nur deutsch zu reden.

In der nächsten Phase gehen die Schüler in den Computerraum, um Bilder ihrer Heimat zu suchen, diese auszudrucken und mit Text zu versehen. Die Jugendlichen gehen relativ sicher mit dem Internet um. Ich zeige ihnen, wie man Bilder ausschneidet und in ein Dokument einbindet. Sie verstehen es schnell. Jeder der Jugendlichen besitzt offensichtlich ein Smartphone, mit dem er/sie sicher umgeht, wenn es darum geht in Facebook zu kommunizieren, Bilder zu machen und diese zu versenden.

Ich denke Schreiben am Computer ist eine gute Übung. Schrift wird lesbar und die Textverarbeitung schreibt automatisch von links nach rechts (Was auf dem Papier für manche schwierig ist). Sicher eine gute Trainingsmöglichkeit.

Konsterniert bin ich, als ich neben einem jesidischen Mädchen sitze und versuche sie zu unterstützen. Der Suchbegriff „Sindjar“ in der google Bildersuche ergibt seitenweise Bilder des Genozids und der Vertreibung der Jesiden. Das Mädchen schaut die Bilder an. Eine Reaktion darauf kann ich bei ihr nicht bemerken. Nur ich bin unsicher. Ich frage Herrn Hainmüller, wie sich das Thema Trauma im Unterricht auswirkt. Er meint, dass es sich im Unterricht eher als geringeres Problem ausweist. Ein Mädchen, das er für stark traumatisiert hält, ist wohl in therapeutischer Begleitung. Dann ist der Vormittag vorbei und ich verabschiede mich. Ich werde gefragt, ob ich wiederkomme?

Es gibt noch vieles, das mich interessiert. Ich überlege mir, wie ich mich aus meiner Expertise einbringen könnte. Computerkurse wären sicher sinnvoll. Ich überlege, welche Versuche aus den Naturwissenschaften geeignet wären, Bildungsprozesse zu initiieren und Spaß am Lernen zu provozieren. Gerne würde ich die Schüler auch in den anstehenden Betriebspraktika besuchen. Die Frage, wieviel Deutsch ist nötig, um in einem Betrieb zu arbeiten oder gar eine Ausbildung zu machen, halte ich für wesentlich.

Was wir künftigen Lehramtsanwärtern mitgeben müssen?

  • Viel Informationen über die Kulturen der Flüchtlinge
  • Interkulturelle Kompetenzen aufbauen
  • Basiswissen über Deutsch als Zweit- und Fremdsprache nicht nur für Deutsch LA (Fächer)
  • Die Möglichkeit in VKL/Vabo-Klassen zu hospitieren

Das Ministerium gibt 15 Stunden Ausbildung verpflichtend vor.Ich denke die Seminare müssen in 2 Richtungen vorgehen,

1. Es muss überlegt werden, wie man ein „Notfallpaket“ schnüren kann, mit dem LA befähigt werden, in neu zusammengestellten Klassen zu bestehen. Herr Hainmüller ist aus seiner eigenen Seminarerfahrung der Meinung, dass Referendare in diesen Klassen nach kurzer Zeit das Handtuch werfen werden, da sie schlichtweg überfordert sind. Ihm selbst und seiner Frau mit langjährigen Schulerfahrungen in KOOP-Klassen und Gewerbeschülern des BVJ geht es auch so. Es sind zu viele komplexe Probleme gleichzeitig. Der Unterricht mit zwei Lehrern in den Kernstunden ist unabdingbar, um die Heterogenität etwas abzudämpfen. Um dies zu erreichen, brauchen wir am Seminar Möglichkeiten zur Hospitation und Erfahrungsaustausch mit ExpertInnen. Im Rahmen von Pädagogik kann Training in Interkultureller Kompetenz erfolgen. Entsprechende Tools müssen entwickelt werden. (Rollenspiel, Dramaarbeit, Regel und Ritualeinführung…) Die Fachschaft Deutsch muss brauchbare Sprachkurse vorhalten. In Medienpädagogik kann man sich über „Integrationsapps“ austauschen und deren Schultauglichkeit überprüfen.

2. Über dieses Notfallpaket hinaus müssen sich alle Fächer Gedanken machen, welchen Beitrag sie zur Integration und besserer Förderung dieser Kinder und Jugendlichen in den Fächern leisten kann. Sprachsensibler Fachunterricht spielt hier eine Rolle. Es muss geklärt werden, ob die dazu notwendigen Fortbildungen für Fachlehrbeauftrage durch die LB Deutsch (DAZ) erfolgen kann oder ob hierzu externe Fortbildner notwendig sind.

Wie wir diese Maßnahmen am Seminar umsetzen, muss bald geklärt werden. Alle Bereiche müssen sich meiner Meinung nach daran beteiligen. Mein Vorschlag:

Im Ergänzungsbereich sollte eine Informationsveranstaltung installiert werden. (Noch vor den Sommerferien) Pädagogik muss sich dem Thema „Aufbau interkultureller Kompetenz“ annehmen und in 1-2 Veranstaltungen thematisieren. Die Fächer müssen erheben, welchen Beitrag sie aus ihrer Sicht leisten können. (Bsp.: In meinem Bereich Naturwissenschaften könnte ich mir vorstellen, Freihandversuche zusammenzustellen, die mit wenig Sprache die Schüler zum Staunen bringen und kognitiv aktivieren) Insgesamt sehe ich für die Seminare hier für die nächsten Jahre ein weites Betätigungsfeld. Zum einen Vor-Ort, zum anderen wäre es sicher auch interessant, sich auf europäischer Ebene in Projekten im Rahmen von Erasmus plus auseinanderzusetzen. Solche Projekte zwischen Seminaren in Europa über Flüchtlingsunterricht wäre ein Antrag, der bei der deutschen nationalen Agentur PAD auf fruchtbaren Boden fiele.

Freiburg, im April 2016

Andreas Keck, SSR
Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (GWHRS) Mannheim